Was wir in Taiwan über die Kunst des Teetrinkens gelernt haben – und warum uns ein weißer Shan Tee aus den Bergen Nordvietnams plötzlich vollkommen neu begegnete.
Manchmal muss man ein Lebensmittel gar nicht verändern. Man muss nur lernen, ihm mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Obwohl Tee seit vielen Jahren zu unseren Reisen durch Asien gehört, haben wir im März 2026 in Taiwan noch einmal ganz neu gelernt, ihn zu trinken.
Zwölf Tage lang durften wir täglich mehrmals erleben, wie selbstverständlich dort hochwertige Tees in kleinen Kannen aufgegossen, in winzigen Schalen ausgeschenkt und über viele Aufgüsse hinweg genossen werden. Nicht nebenbei.
Nicht als großer Becher für unterwegs. Sondern mit Zeit. Seitdem bereiten wir auch auf unseren Märkten ausgewählte Hochlandtees auf diese Weise zu und zeigen Euch, warum sich ein guter Tee vom ersten bis zum letzten Aufguss immer wieder verändern kann. Und ausgerechnet ein weißer Shan Tee aus Nordvietnam hat uns dabei in diesem Jahr besonders überrascht.
Gongfu Cha – schaut uns bei der Zubereitung über die Schulter
In unserem Video zeigen wir Euch, wie wir Gongfu Cha in Taiwan kennengelernt haben und heute selbst praktizieren – vom kurzen Aufgießen über die kleinen Teeschalen bis zum Sammeln der verschiedenen Aufgüsse in unserer Glaskanne.
Aber woran erkennt man eigentlich einen guten Tee?
Diese Frage wird uns auf unseren Märkten immer wieder gestellt. Für uns beginnt guter Tee lange vor dem Aufguss.
Herkunft, Teepflanze, Höhenlage, Klima, Ernte und Verarbeitung entscheiden darüber, was später in der Tasse ankommen kann. Gerade bei Tee lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen:
Wo wachsen die Pflanzen? Handelt es sich um intensiv bewirtschaftete Plantagen oder alte, gewachsene Teebestände? Wann und was wird gepflückt? Wie werden die Blätter anschließend verarbeitet? Und schließlich zeigt es uns der Tee selbst.
Ganze, erkennbare Blätter oder Knospen, ein klarer Duft und ein Geschmack, der nicht nur bitter oder kräftig ist, sondern sich entwickelt. Ein guter Tee darf mehrere Aufgüsse vertragen – und dabei immer wieder etwas Neues zeigen.
Shan Tuyet – alte Teebäume im Norden Vietnams
Auf unseren Reisen haben wir Shan-Tuyet-Teebäume an verschiedenen Orten im Norden Vietnams kennengelernt. Auch in den Dörfern rund um das Hoàng-Liên-Sơn-Gebirge wachsen zum Teil mehrere hundert Jahre alte Bäume. Sie zeigen uns, dass „Shan Tuyet“ allein noch nicht erklärt, wie ein Tee später schmecken wird. Besonders faszinieren uns die Bestände in den hohen Berglagen. Oberhalb von etwa 1.600 Metern verändern sich die Wachstumsbedingungen deutlich.
Es ist kühler, häufig neblig und wolkenverhangen. Die Sonneneinstrahlung, Temperatur und Vegetationsbedingungen unterscheiden sich von den tieferen Lagen. All das beeinflusst die Entwicklung der Teeblätter und ihrer Aromastoffe. Aus unserer eigenen Erfahrung sind es gerade diese Hochlandtees, bei denen wir besonders feine fruchtige, florale und süßliche Aromen wahrnehmen.
Das Faszinierende daran haben wir bei einem Tee-Workshop selbst erlebt:
Schon die frischen Grünteeblätter können überraschend nach Früchten, Beeren und Blüten duften.
Aromen, die wir zunächst überhaupt nicht mit einem unbehandelten Teeblatt verbunden hätten.
Was macht weißen Tee so selten?
Und genau hier wird weißer Shan Tee besonders spannend. Denn kaum eine andere traditionelle Tee-Art lässt dem ursprünglichen Blatt so wenig Möglichkeiten, sich hinter der Verarbeitung zu verstecken.
Für unseren weißen Shan Tee werden die jungen Blattknospen nur während eines kurzen Erntefensters im Frühjahr gepflückt. Nach den Angaben unseres Produzenten findet diese besondere Ernte etwa zwei bis drei Wochen nach dem chinesischen Neujahrsfest statt, nur wenn die ersten Blattknospen nach dem Winter sprießen. Anschließend geschieht erstaunlich wenig.
Die frisch gepflückten Knospen werden nicht kräftig gerollt oder geröstet. Sie dürfen welken und werden schonend getrocknet. So wenig Verarbeitung bedeutet aber auch: Die Qualität des Ausgangsmaterials muss stimmen.
Eine aufwendige Verarbeitung kann später keine zusätzlichen Aromen erzeugen, hinter denen sich ein wenig ausdrucksstarkes Blatt verstecken könnte.
Herkunft, Ernte und Blattqualität wird man unmittelbar schmecken. Genau das macht für uns einen ursprünglichen weißen Tee so spannend.
Warum Gongfu Cha den Unterschied zeigt
Bei Gongfu Cha bereiten wir den Tee nicht einmal lange in einer großen Kanne zu. Wir verwenden relativ viel Blatt, wenig Wasser und viele kurze Aufgüsse. Dadurch schmecken wir nicht nur einen fertigen Tee. Wir können verfolgen, wie er sich entwickelt. Die ersten Aufgüsse können noch fein und zurückhaltend sein. Mit jedem weiteren Aufguss öffnen sich die Knospen und Blätter stärker. Bei unserem weißen Shan Tee wird es für uns etwa ab dem fünften Aufguss besonders interessant.
Wir entdecken eine zunehmende Süße, Aromen, die uns an Waldhonig, reife Früchte und Fruchtsaft erinnern, und einen erstaunlich langen Nachhall.
Bis zum achten oder zehnten Aufguss verändert sich das Geschmacksbild immer wieder.
Das ist keine allgemeingültige Geschmacksbeschreibung – sondern genau das, was wir selbst in unseren Teeschalen wahrnehmen.
Und vielleicht schmeckt Ihr etwas ganz anderes.
Genau das macht guten Tee so interessant.
Ein Tee – viele Aufgüsse – und am Ende noch einmal ein neuer Geschmack
Eine besonders praktische Methode haben wir ebenfalls aus Taiwan mitgebracht. Neben Gaiwan oder kleiner Teekanne und den Tonschalen verwenden wir eine zweite Glaskanne. Wenn wir allein oder zu zweit Gongfu Cha trinken, müssen wir schließlich nicht jeden Aufguss vollständig und sofort austrinken. Deshalb sammeln wir einen Teil der fertigen Aufgüsse in der Glaskanne.
Und dabei passiert etwas Wunderbares: Die unterschiedlichen Phasen des Tees verbinden sich. Die feineren ersten Aufgüsse treffen auf die aromatischeren mittleren und späteren. Daraus entsteht noch einmal ein anderes, harmonisches Geschmacksbild. Nach unserer eigentlichen Teezeremonie bleibt uns so ein Tee, den wir später weiter genießen können – warm oder abgekühlt. Erst entdecken wir jeden Aufguss für sich. Am Ende dürfen sich alle noch einmal begegnen.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis guten Tees
Unsere Reisen haben uns gelehrt, bei Tee weniger auf große Versprechen und dafür genauer auf seine Herkunft zu achten.
Wo ist er gewachsen?
Wie wurde er angebaut?
Was wurde geerntet?
Wie wurde er verarbeitet?
Und was passiert, wenn wir ihm genügend Zeit geben?
Gongfu Cha hat unsere Art, Tee zu trinken, verändert. Nicht weil wir daraus eine komplizierte Zeremonie machen möchten. Sondern weil wir dadurch gelernt haben, Unterschiede zu schmecken, die uns vorher verborgen geblieben sind. Vielleicht braucht ein außergewöhnlicher Tee tatsächlich gar nicht viel. Gutes Wasser. Etwas Zeit. Und unsere Aufmerksamkeit.
Was bedeutet Gongfu Cha?
Der chinesische Begriff Gongfu Cha (功夫茶) lässt sich sinngemäß als „Tee mit Können und Sorgfalt zubereiten“ verstehen. Dabei geht es weniger um eine starre Zeremonie als um Aufmerksamkeit, Erfahrung und das Zusammenspiel vieler kleiner Details: die Menge der Teeblätter, die Temperatur des Wassers, die Größe der Kanne, die Dauer der einzelnen Aufgüsse – und nicht zuletzt die Zeit, die wir uns zum Trinken nehmen.
Typisch sind eine kleine Teekanne oder ein Gaiwan, vergleichsweise viele Teeblätter und mehrere kurze Aufgüsse. Statt wenige Blätter einmal mehrere Minuten in einer großen Kanne ziehen zu lassen, begegnen wir demselben Tee immer wieder neu.
Die Blätter öffnen sich langsam. Mit jedem Aufguss werden andere Aromen wahrnehmbar.
Genau darin liegt für uns inzwischen der besondere Reiz von Gongfu Cha.
Ein bisschen wie bei einem guten Wein
Wir vergleichen es gern mit Wein. Ein besonderer Wein lässt sich natürlich auch schnell aus einem Wasserglas trinken. Aber aus einem guten, dünnwandigen Weinglas, langsam getrunken und mit etwas Aufmerksamkeit für Duft, Temperatur und Nachhall, nehmen wir ihn vollkommen anders wahr.
Beim Tee erleben wir inzwischen etwas Ähnliches. Erst durch die kleinen Trinkschalen und die vielen kurzen Aufgüsse haben wir begonnen wahrzunehmen, wie sehr sich ein Tee während des Trinkens entwickeln kann. Und manchmal kommt die eigentliche Überraschung erst sehr spät.
Alte Teebäume – keine Gesundheitsversprechen, sondern ein Stück Kulturlandschaft
Bei sehr alten Teebäumen wird gern mit Mineralstoffen, Antioxidantien oder besonders hohen Konzentrationen bestimmter Inhaltsstoffe geworben. Damit möchten wir vorsichtig sein. Ohne Analyse können auch wir nicht wissen, wie hoch einzelne Inhaltsstoffe unseres Tees tatsächlich sind. Was wir dagegen sehen und erleben können, ist die Landschaft, aus der dieser Tee stammt.
Alte Teebäume wachsen dort nicht wie junge, gleichmäßig geschnittene Sträucher einer intensiv bewirtschafteten Plantage. Sie sind Teil einer gewachsenen Kulturlandschaft und eng mit dem Leben der Menschen in den Bergregionen verbunden. Genau diese Geschichten möchten wir bewahren und weitererzählen. Nicht, weil alt automatisch besser bedeutet. Sondern weil Herkunft, Pflanzenmaterial, Landschaft, traditionelle Ernte und Verarbeitung einen Tee unverwechselbar machen können.
Warum wir Tee heute langsamer trinken
Noch etwas hat uns Gongfu Cha gelehrt. Wir trinken weniger nebenbei. Wenn eine kleine Kanne immer wieder neu aufgegossen wird, entsteht automatisch ein anderer Rhythmus.
Aufgießen. Warten. Einschenken. Riechen. Probieren. Und noch einmal. Vielleicht ist genau diese Aufmerksamkeit ein Teil dessen, was wir selbst nach einer Gongfu-Cha-Runde als so angenehm empfinden. Es ist unsere persönliche Erfahrung. Aber wir haben gelernt, dass Genuss nicht unbedingt bedeutet, mehr zu konsumieren. Manchmal bedeutet Genuss einfach, mehr wahrzunehmen.
Gongfu Cha selbst ausprobieren
Ihr braucht dafür keine komplizierte Ausstattung. Für den Einstieg reichen:
- eine kleine Teekanne oder ein Gaiwan
- kleine Teeschalen
- hochwertiger loser Tee
- gutes Wasser
- etwas Zeit und Neugier
Entscheidend ist nicht, jeden Handgriff perfekt auszuführen. Beginnt mit kurzen Aufgüssen und beobachtet den Tee.
Wie riechen die noch trockenen Blätter?
Wie verändern sie sich nach dem ersten Kontakt mit Wasser?
Wie schmeckt der erste Aufguss?
Was passiert beim dritten?
Und wie schmeckt derselbe Tee beim fünften, achten oder zehnten Aufguss?
Plötzlich wird aus einer Tasse Tee eine kleine Reise.
Gongfu Cha in Kürze
Gongfu Cha (功夫茶) Traditionelle chinesische Art der Teezubereitung mit kleinen Gefäßen, relativ viel Tee und mehreren kurzen Aufgüssen.
Warum kleine Schalen?
Weil wir jeden einzelnen Aufguss bewusst wahrnehmen und miteinander vergleichen können.
Warum mehrere Aufgüsse?
Weil sich die Teeblätter zunehmend öffnen und sich Aroma, Mundgefühl und Intensität von Aufguss zu Aufguss verändern können.
Welche Tees eignen sich?
Besonders hochwertige Oolong-, Pu-Erh-, Grüne, Rote und Weiße Tees können spannend sein. Entscheidend sind Qualität und die Eignung des jeweiligen Tees für wiederholte Aufgüsse.
Muss man alles perfekt machen?
Nein. Gongfu Cha bedeutet für uns gerade nicht Perfektion, sondern Aufmerksamkeit, Übung und Freude am Entdecken.
Gongfu Cha selbst entdecken:
Gongfu-Cha Genuss-Set mit weißem Shan Tee
Unser Tipp zum Einstieg – Teeservice und passender weißer Tee zusammen
Alles für die ersten eigenen Gongfu-Cha-Runden.
Weißer Shan Tee
Für alle, die bereits eine kleine Teekanne oder einen Gaiwan besitzen
→ Den Tee aus dem Beitrag entdecken
Grüner Shan Tee
Zum Vergleichen:
Wie anders zeigt sich derselbe Ursprung als Grüntee?
→ Shan Tee einmal anders kennenlernen